Predigt vom 21.03.2008

Predigt an Karfreitag über Jesaja 52,13-53,12

Predigt zu Jesaja 52,13 - 53,12

1. Alle gegen Einen
Liebe Gemeinde,
warum musste Jesus sterben?
Es musste so geschehen, es war Gottes Wille, dass sein Sohn am Kreuz starb. Das bezeugen alle biblischen Schriften, die davon sprechen.
Doch auch wenn Gott wollte, dass sein eigener, geliebter Sohn, so sterben sollte: Gott keiner ist, der Blut sehen will. Gott braucht nicht das Opfer eines anderen, um seinen Zorn zu stillen.
Jesus war nicht müde geworden, den Menschen von seinem lieben Vater im Himmel zu erzählen. Abba, Papa dürfen wir zu Gott sagen. So wie kleine Kinder ihre Händchen zum Papa strecken und rufen, „Papa, ich hab Hunger“, und selbstverständlich streicht der Papa seinem Kleinen ein Brot oder gibt ihm einen Apfel. So dürfen wir unseren Vater im Himmel anrufen. Wenn das Kind Hunger hat, dann wirft der Papa ihm keinen Stein hin, statt einem Stück Brot. Oder: der Tisch ist gedeckt, es gibt Fisch; das Kind bittet um ein Stück; und kein Vater wird seinem Kind dafür einen giftigen Skorpion auf den Teller knallen. Von seinem guten Vater im Himmel, genau so hat Jesus von Gott erzählt. Aus tiefstem Vertrauen, dass Gott nur das Gute für uns will, und nicht Gift einschenkt anstelle von Saft und Sprudel. „Mein lieber Vater!“, „Vater unser im Himmel … unser tägliches Brot gib uns heute“.
Und dann lesen wir, wie Jesus im Garten Gethsemane kurz vor seiner Verhaftung betete und rang: „Vater, wenn es sein kann, dann nimm diesen Kelch von mir, doch nicht wie ich will, sondern wie du willst“. Der liebe Vater, schenkt ihm einen Becher voll Gift ein, das Gift der Sünde der Welt. Den soll Jesus jetzt austrinken. In dem Vertrauen hatte Jesus immer gelebt: Gott gibt seinen Kindern nur gute Gaben. Und wie er betet und ringt, fallen die Schweißtropfen wie Blut auf die Erde. Es zerreißt mir fast das Herz, wenn ich dies lese.
Es muss dem Vater im Himmel das Herz zerrissen haben, und auch Jesus, seinem lieben Sohn. Dieses kindliche Vertrauen, tiefstes Vertrauen in den guten, in den lieben Vater, wird auf eine Probe gestellt, wie wir es uns nicht vorstellen können. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Reicht es nicht, dass Menschen sich wie Wölfe auf mich stürzen? Hat auch Gott mich verlassen? Alle gegen einen? Alle, auch Gott, gegen mich? Der Gott, dem Jesus nichts Böses zugetraut hatte.
Ohne sich zu wehren ließ sich Jesus zum Tode verurteilen – „tat seinen Mund nicht auf, wie ein Schaf, das zur Schlachtbank geführt wird; verstummte wie ein Schaf vor seinem Scherer“, hörte sich, am Kreuz hängend, den Spott der Leute an „Steig doch herunter vom Kreuz, wenn du Gottes Sohn bist“.
Können wir ermessen, welches Opfer Jesus brachte? Können wir ermessen, welches Opfer Gott, sein Vater, brachte?
Ich will vorsichtig mit dem Wort Opfer umgehen. Es ist inzwischen sehr belastet, auch durch die vielen Selbstmordattentäter aus dem Bereich des fundamentalistischen Islam. Doch ich glaube, dass das Opfer seines Lebens wirklich ein Opfer war, für Jesus selbst und für seinen Vater. Da ist kein fanatisches Mit-in-den-Tod-reißen anderer Menschen, um irgendetwas an ihnen zu rächen. Vielmehr: Menschen werden gerettet.
Alle hatten sie geschrien: „Kreuzige ihn!“ Alle seine Jünger hatten Jesus verlassen, als es gefährlich wurde. Soldaten hatten den König der Welt verspottet: ihm eine Krone aufgesetzt, aber keine aus Gold, sondern eine aus geflochtenen Dornen, dass sein Haupt blutete. Und dann einen Purpurmantel umgelegt, einen Stock in die Hand gedrückt wie ein Zepter und ihm wie in einer Satire auf den Knien „gehuldigt“. Und später der Pöbel unter dem Kreuz: „Steig doch herunter, wenn du kannst!“
Alle gegen einen! Das war kein schöner Anblick. Das war hässlich, nur hässlich.
Wer hässlich ist, wird von vielen verachtet. Für viele Berufe kommt jemand, der hässlich ist, nicht in Frage. Das gut aussehende Lächeln ist gefragt und wird verlangt. Wie viel Geld wird heute ausgegeben, um sein Aussehen und Auftreten zu verbessern!? Wie viele Zeitschriften leben davon, Tipps zu geben, trendy zu sein, »in« zu sein? Manche Jugendliche wünschen sich zu ihrem 18. Geburtstag nichts mehr als eine Schönheitsoperation!
Die Erfahrung, dass das gute Aussehen sehr wichtig ist, drängt viele Menschen ins Ghetto der Minderwertigkeitsgefühle, nämlich dann, wenn man nicht gut aussieht.
Wer krank ist und wem es schlecht geht, macht die anderen ratlos. Statistiken sagen, je kränker ein Mensch ist, je weniger wird er besucht. Die anderen Menschen ziehen sich zurück oder werden sogar aggressiv, weil sie nicht helfen können. »Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht sorgen.« Es gibt ein Denken, dass jedes Übel Strafe sein muss. Wo Menschen leiden, bilden sich Gerüchte. In einem Dorf sagt man, herrsche ein einfaches, primitives Denken; an einem anderen Ort zählt man mehr Behinderte als anderswo; beidesmal die Erklärung: „Inzest!“ Habe ich beides gehört.
Oft kommt es vor, dass der Leidende die Opferrolle übernimmt, die ihm aufgeladen wird, und meint, es müsse ihm schlecht gehen, das habe seinen Grund. Menschen, die auf diese Weise entwertet sind, bekommen oft nicht einmal Mitleid.
Alle gegen einen. Das erlitt Jesus. Das erleben Menschen heute. Für Menschen, die leiden, ist es gut zu hören:
2. Einer für alle
»Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen.« Dass Gott sich selbst in seinem Sohn dem Gericht unterzogen hat, hat ein für alle Mal die Schuldfrage der Menschheit geklärt hat.
Wer immer sich schon einmal mit anderen zusammengetan hat – „alle gegen einen“ – und ihm schlecht wird, wenn er daran zurückdenkt, wie er sich dem Pöbel angeschlossen hat (Mobbing in der Schule, im Betrieb)
Wer immer ganz verborgen innen drin mit sich herumträgt, was keiner weiß, was er keinem Menschen sagen kann, was ihn nachts nicht schlafen lässt, und auch ganz körperlich Bauchweh macht.
→ Einem jeden gilt; Ihnen und mir gilt: »Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen.«
Einer für alle.
3. Einer für mich
Was Jesus am Kreuz tat, es ist für mich geschehen. Das, was damals geschehen ist, hat etwas mit mir und meinem Leben heute zu tun. Nicht nur die große Schuldfrage ist nun geklärt zwischen Gott und seinem Volk und zwischen Gott und den Völkern überhaupt, Menschenmassen, Gruppen, die im Herdentrieb eines Mob wie „alle gegen einen“ sich gebärden. Nicht nur die große Schuldfrage zwischen Gott und den vielen ist gesühnt, sondern auch die zwischen Gott und mir ganz persönlich und zwischen mir und den anderen Menschen überhaupt. Immer wieder sehe ich Kruzifixe in Kirchen, und oft sehe ich: der Gekreuzigte sucht mit seinen Augen den Blickkontakt zum Betrachter, zu mir, und trotz seines schmerzhaften Gesichtsausdruckes sind die Augen freundlich und wohlwollend, sie suchen mich und wollen mir auch sagen: Ich leide, und deshalb verstehe ich auch dich in deinem Leiden.
Es ist meine Schuld, für die der Gottesknecht leidet. Und es ist auch das andere Leid ganz einsamer, alleingelassener Menschen, für das Jesus leidet. Der »hässliche« und kranke oder sterbende Mensch ist in unserer Gesellschaft »out«, wird sogar ins Ghetto gedrängt. Wenn auch keiner mehr zu mir steht und auch keiner mehr bei mir aushalten will in meinem Leid oder es einfach auch nicht mehr kann, dieser Gottesknecht kann es. Jesus Christus ist der eine, der für mich ist, das was er getan hat, hat er für mich getan, und er steht zu mir, wie mein Leben oder meine Lage im Moment auch aussehen mag.
Ich will Ihnen eine Geschichte erzählen (aus: Axel Kühner, Eine gute Minute):
Im letzten Haus des Dorfes, einem alten, halbzerfallenen Speicher, wohnte ein buckliger Mann ganz allein. Er wurde von allen gemieden, denn er war wegen Brandstiftung mit einer schweren Freiheitsstrafe belegt worden. Er hatte einst die Mühle des Dorfes angezündet. Nach langen Jahren kam er aus dem Gefängnis zurück, menschenscheu und noch zusammengefallener als früher.
Nur einer kümmerte sich um den Ausgestoßenen, und das war der Müller, dem der Bucklige dieses Unrecht angetan hatte. Jeden Sonntagnachmittag saß der Müller bei dem Geächteten, und niemand konnte begreifen, was er dort zu tun hätte. Erst redete man darüber, dann wurde es ruhig über dieser Schrulle des Müllers. Und so ging es noch manches Jahr.
Der Bucklige starb. Hinter seinem Sarg gingen der Pfarrer und der Müller — sonst keiner mehr. Denn wenn erst einer aus der Dorfgemeinschaft ausgeschlossen ist, gibt es keine Barmherzigkeit mehr, auch nicht im Tod.
Einige Zeit später starb auch der Müller. Dieses Mal ging der Pfarrer nicht allein hinter dem Sarg her. Das ganze Dorf folgte, denn der Müller war bekannt. Der Pfarrer predigte, aber die Leute begannen erst dann aufzuhorchen, als er sagte:
»Ihr habt euch oft gewundert, dass der Müller so freundlich zu dem Buckligen war. Heute sollt ihr den Grund erfahren. Kurz vor seinem Tod hat mir der Müller gebeichtet, dass er seine Mühle selbst angezündet habe, er wäre dafür ins Gefängnis gekommen. Der Bucklige aber hatte die Gewohnheit, bei Nacht unterwegs zu sein, und dabei entdeckte er den Müller bei seiner Tat. Da kommt der Bucklige eines Tages zum Müller und erklärt ihm, er habe keinen Menschen auf der Welt, er wolle sich darum als Brandstifter ausgeben und alle Schulden auf sich nehmen, damit der Müller und seine Familie nicht ins Unglück kämen. So konnte bei der Gerichtsverhandlung dann auch nachgewiesen werden, dass der Angeklagte in der Brandnacht nahe der Mühle gesehen worden sei. Viele Sympathien genoss er ohnehin nicht im Dorf, so wurde er verurteilt. Jahrlang hat dann der einsame Mann die fremde Schuld getragen, stellvertretend für den Müller. Dem Mann hier im Sarg hat Gott seine Schuld vergeben. Bitten wir nun Gott, dass er unsere Schuld dem Buckligen gegenüber auch vergebe und lasst uns sein Andenken in Ehren halten.«
Einer für mich. Von Jesus lesen wir: „Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unserer Missetat willen verwundet und um unserer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.“
Amen.