Predigt vom 24.5.2009
Predigt zu Johannes 15,26-16,4 an Exaudi
Im Geist / im Sinne des Gründers wirken
Liebe Gemeinde,
Turn- und Sportvereine wirken im Geist ihres Gründervaters, des Turnvaters Jahn.
Die Aidlinger Schwestern setzen das Werk Christa von Viebahns fort, die das Diakonissenmutterhaus Aidlingen gegründet hat.
Helmuth Rilling ist bekannt dafür, wie er das Erbe Johann Sebastian Bachs – musikalisch wie inhaltlich und geistlich – pflegt und lebendig hält.
Und wie oft geht ein Betrieb in der Familie von Generation zu Generation weiter! Bauernhöfe, Gasthäuser und Hotels, die Familienbetriebe sind, eine Firma wie Steiff, die bewusst die Tradition und den Geist ihrer Gründerin Margarethe Steiff weiter trägt.
Nicht immer geht das für alle Zeiten gut. An den politischen Enkeln und Urenkeln von Marx und Lenin sehen wir heute, dass sie irgendwann nicht mehr die geistige Kraft hatten, Staaten wie die Sowjetunion oder die DDR am Leben zu erhalten. Die geistige Kraft solcher Gründerväter kann auch einmal erschöpft sein – oder die Zeit und Welt ändert sich so sehr, dass bestimmte Ideen einfach nicht mehr in die Zeit passen. Andererseits nehmen wir in diesen Tagen des 60-jährigen Jubiläums des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland wahr, dass die Väter und Mütter des Grundgesetzes offensichtlich die geistige Kraft hatten, dass sich dieses Grundgesetz – in Verantwortung vor Gott und den Menschen – mit seinem Bekenntnis zur Demokratie über die Jahrzehnte bewährt hat.
Unser Predigttext ist ein Abschnitt aus den Abschiedsreden Jesu. Jesus Christus ist der „Gründervater“ der christlichen Kirche. Jesus ging zum Vater. Und seine Jünger sollten hier auf der Erde weiter wirken: predigen, Zeugnis von ihm geben, seine Liebe den Menschen weiter geben. Sie hatten Jesus nach seiner Himmelfahrt nicht mehr so um sich wie in den letzten drei Jahren. Sie sollten nach Jesu Abschied sein Werk weiter führen, in seinem Geist.
Sein Werk in seinem Geist weiter führen – ist das so, wie wenn sonst ein Gründervater geht und die Nachfolger das Werk weiter führen? Ähnlich wie Turnvereine das Werk von Turnvater Jahn weiter führen? Oder wie politische Enkel das Werk eines Karl Marx versuchten weiter zu führen – mit mehr oder weniger dauerhaftem Erfolg?
Mancher Nachfolger hat nicht mehr das Charisma wie der Gründervater. Zeiten und Einstellungen ändern sich. Aber das ist der Unterschied bei Jesus: er lebt. Er ist heute lebendig und wird bis in Ewigkeit der Lebendige bleiben. Ich glaube, dass darin das Geheimnis der Gemeinde und Kirche Jesu Christi liegt, dass sie bis heute nicht untergegangen ist, anders als viele antike Religionen, Weltanschauungen, Parteien, Staaten, ja sogar Weltreiche. Wie viel davon gibt’s längst nicht mehr! Das einst mächtige römische Reich gibt es nicht mehr, es ist untergegangen. Aber Jesus lebt, und seine Gemeinde lebt. Und hat die Verheißung bis ans Ende der Zeit, bis Jesus wieder kommt, ja bis in Ewigkeit.
Keine Kopien
Ein Bach-Interpret wie zum Beispiel Helmuth Rilling ist nicht Johann Sebastian Bach selbst. Die heutige Firma Steiff ist nicht mehr die Nähwerkstatt der Margarethe Steiff. Die Zeiten haben sich geändert, und die Menschen auch. Der junge Landwirt ist nicht sein Vater, von dem er den Hof übernommen hat; es gibt neue Methoden in der Landwirtschaft, neue Herausforderungen, die der Markt und die Politik an ihn stellen. Alle, jeder für sich, sind sie eigenständige Persönlichkeiten. Papst Benedict XVI. ist nicht derselbe wie Petrus, auf dessen Stuhl er nach katholischer Lehre sitzt. Sie, die Sie heute Morgen hier sind, sind kein Paulus oder Matthäus, keine Maria Magdalena oder Aquila oder Priszilla. Die Jüngerinnen und Jünger damals waren eigenständige Persönlichkeiten in der Nachfolge Jesu, und Sie und ich heute sind es auch, ganz anders. Und das ist gut so. Das hat Gott so gewollt. Er will keine geklonten Jünger, keine Kopien.
Wir, Jesu Nachfolger, sind jeder und jede eigenständige Persönlichkeiten. Doch eins haben wir alle gemeinsam: Jesus hat seinen Jüngern den Heiligen Geist versprochen und geschenkt.
Für Kinder ist es nicht gut, wenn sie genau das gleiche sagen und denken und tun, wie Vater oder Mutter. So werden sie keine eigenständigen Persönlichkeiten. Der schwäbische Spruch „Do hat mein Großvater scho g’mickt, do hat mein Vater g’mickt, do mick i au, und wenn’s da Berg nauf goht“ zeigt, wie falsch es ist, wenn man die Dinge immer nur genau gleich angeht wie ein anderer, und sei’s der eigene Vater oder die Mutter. Wir sind nicht Ururenkel der ersten Jünger, die alles genau gleich machen und nachmachen. Wir leben heute.
Jeder lebt in seiner Zeit mit ihren Herausforderungen. Wir Christen heute gehen nicht mehr mit Jesus durch die Dörfer und Städte Galiläas, sondern arbeiten in der Bizerba, bei Wochner oder Holcim und sitzen am Computer. Hier und heute sind wir als Christen hingestellt. Heute und mit diesen Menschen, mit denen wir zu tun haben, können wir von Jesus reden, ihnen seine Liebe weiter geben, das Wort, mit dem er Menschen zu sich ruft, können wir seine Zeugen sein. Alle müssen wir an unserem Ort unseren Mann, unsere Frau stehen, als Christ leben, reden, wirken.
Genau dazu hat uns Jesus seinen Geist gegeben – der ist uns gemeinsam – so verschieden wir sind und so weit wir von jenem Abschied Jesu damals entfernt sind – immerhin sind es 2000 Jahre. Der Geist, den Jesus versprochen hat, macht trotz des Riesenabstands uns Jesus heute lebendig, so als säße er heute hier unter uns. Daraus kann wortwörtlich ein „Wirken im Geist Jesu“ werden, ganz anders als das Wirken im Geist des Gründervaters eines Vereins oder einer politischen Bewegung.
Wenn wir Christen etwas sagen (als Landwirt, als Lehrer, als Vater, als Mutter …), dann soll Jesu Wort gelten: „der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht, der wird Zeugnis geben von mir. Und ihr seid meine Zeugen“.
Einen Turnvater Jahn kann ich jetzt nicht mehr fragen, welche Aufgabe die Sportvereine heute in Volk und Staat haben. Einen Johann Sebastian Bach kann ich heute nicht mehr fragen, welche Register er an unserer Schömberger Orgel für seine Toccata und Fuge in d-moll ziehen würde. Papst Benedict XVI. kann seinen Vorgänger Petrus heute nicht mehr fragen, was er zum gemeinsamen Abendmahl von evangelischen und katholischen Christen sagen würde.
Diese herausragenden Menschen der Vergangenheit, solche Gründerväter und –mütter sind alle gestorben. Aber Jesus lebt – obwohl er sich damals von seinen Jüngern verabschiedet hat und zu seinem Vater im Himmel gegangen ist. Jesus lebt, und sein Versprechen gilt bis heute: „der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht, der wird Zeugnis geben von mir“.
Das ist das Wunderbare: auch wenn Jesus jetzt beim Vater im Himmel ist, sind wir auf der Erde doch nicht allein. „Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen“, hat Jesus gesagt. In seinem Heiligen Geist ist er heute und hier lebendig. Wir können ihn fragen. Und er hat versprochen, dass er uns Antwort gibt in den Herausforderungen, in denen wir als Christen heute stehen.
Verfolgung und die Verheißung des Trösters
Nun gehört zu diesem Leben der Zeugen Jeus merkwürdigerweise, dass sie verfolgt werden. Jesus hat es ihnen damals angekündigt.
Der Diakon Stephanus und der Apostel Jakobus waren die ersten, die als Zeugen für Jesus ihr Leben lassen mussten . Nicht nur für die Leitung der jüdischen Gemeinde war das Bekenntnis zu Jesus als dem Sohn Gottes anstößig. Auch die römischen Behörden wurden misstrauisch. Die Christen weigerten sich, die römischen Staatsgötter zu verehren und blieben den Opferfesten fern. Deshalb beschimpfte man sie als gottlos. Aber das war es nicht allein. Ihre ganze Art zu leben war ungewöhnlich. Sie betrachteten ihren Besitz nicht als ihr privates Eigentum. Die Wohlhabenderen gaben von ihrem Überfluss, damit Arme versorgt werden konnten. Wenn ein Gemeindeglied mittellos starb, sorgte die Gemeinde für das Begräbnis. Die Christen halfen auch Menschen, die nicht zu Kirche gehörten. Der antichristliche Kaiser Julian musste zugeben:
„Die gottlosen Galiläer - gemeint sind die Christen - ernähren außer ihren eigenen Armen auch noch die unsern“ . Das tut der Tröster, der Heilige Geist, den Jesus versprochen hat.
Der Glaube an Jesus und die Liebe untereinander, beides gehörte bei den ersten Christen untrennbar zusammen. Und beides zusammen hat dazu geführt, dass sie verfolgt wurden. Der römische Staat hat erkannt, dass der Glaube und die Liebe der Christen ein Angriff auf die Grundlagen der damaligen Gesellschaft sind.
Wie ist das heute?
Der Staat und die Kirchen wirken in unserem Land in vielen Bereichen zusammen, um Not zu lindern. Ein Beispiel sind die Sozialpsychiatrischen Dienste, die von der kirchlichen Diakonie mit Hilfe von öffentlichen Zuschüssen aufgebaut wurden. Menschen mit einer psychischen Belastung werden von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern regelmäßig besucht und in Gruppen eingeladen. Mit dieser persönlichen und fachlichen Unterstützung können sie trotz mancher Einschränkungen ihr Leben führen. Dass hier Staat und Kirche zusammen wirken, ist ein Geschenk Gottes, und dafür bin ich ihm dankbar.
Dass bei uns der Religionsunterricht ordentliches Lehrfach ist und vom Staat bezahlt wird (wenn auch nicht kostendeckend). Hier können wir den Kindern und Jugendlichen von Jesus erzählen, mit ihnen den Glauben an ihn leben und einüben; wir haben offene Schultüren in den Herbstferien, wenn wir unsere Kinderbibeltage durchführen, wo Kinder erleben, dass sie beim Beten alles, was sie auf dem Herzen haben, ihrem Vater im Himmel sagen können, oder wo sie Jesus als Freund erleben können. Das alles geschieht mit staatlicher Unterstützung. Herzliche Einladung an Sie, hierbei Mitarbeiter zu sein. So können wir in Deutschland Zeugen im Geist Jesu sein, wie er es im heutigen Predigttext vorausgesagt hat.
Es hat mich gefreut, dass die zentralen Feiern zum 60-jährigen Jubiläum des deutschen Grundgesetzes am Freitag und die Wahl des Bundespräsidenten am Samstag mit christlichen Gottesdiensten eröffnet wurden.
Da ist viel Grund zur Dankbarkeit, was im Geist Jesu bei uns möglich ist.
Doch es gibt auch Beispiele dafür, dass Christen, wo sie im Geist Jesu leben und reden, Widerstand erfahren.
Nach der Volksabstimmung über die Initiative zum Religionsunterricht in Berlin bleibt es in dieser Stadt nun dabei, dass der Religionsunterricht kein ordentliches Lehrfach wie bei uns ist.
Soll der Sonntag für möglichst viele Menschen der gemeinsame arbeitsfreie Tag bleiben, der Tag des Gottesdienstes, oder soll der besondere Charakter des Sonntags wirtschaftlichen Interessen geopfert werden? Sagen wir als Christen etwas gegen eine solche Entwicklung, dann riskieren wir es, dass uns manche dafür nicht unbedingt Freund sind.
Von einer Verfolgung, wie Jesus sie seinen Jüngern ankündigt, sind wir in unserem Land weit entfernt. Aber Jesus sagt, dass wir auch damit rechnen müssen, dass die öffentliche Meinung gegen uns steht. Jesus sagt: das kommt daher, dass es andere Menschen gibt, die Jesus und seinen Vater nicht kennen.
Und es gibt Länder auf der Welt, die von Politikern regiert werden, die Jesus und seinen Vater nicht kennen.
Da sagt Jesus seinen Jüngern, was sie von ihm erwarten dürfen:
Er sendet ihnen den „Tröster“. Manche übersetzen das Wort »Tröster« mit »Beistand«. Ein Beistand, ein Anwalt, wie man ihn vor Gericht braucht. Einer, der für mich eintritt, wenn alles gegen mich spricht.
In China saßen in einem Gefängnis auch Christen ein. Um sie zu demütigen wurden sie mit anderen Gefangenen, darunter mit hartgesottenen Verbrechern, mehrere Tage in einer dunklen Höhle in eisiges Wasser gestellt. Anstatt ihre Peiniger zu verfluchen, sangen sie unablässig christliche Lieder, sprachen ihren Leidensgenossen Mut zu und beteten mit und für sie. Als sie nach Tagen aus ihrer Folter befreit wurden, waren alle Verbrecher Christen geworden. Das, was sie mit diesen Christen unter extremsten Bedingungen erlebt hatten, hatte sie verwandelt und zu neuen Menschen gemacht.
Mit Jesu Beistand und Tröster können auch wir Christen, wo wir leben, stets rechnen. Amen.
„Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen“. Dieses Versprechen Jesu wollen wir uns gegenseitig zusingen (Lied Nr. 132). Amen.