Predigt vom 2.5.2009
Predigt zu Johannes 15,1-8 am Sonntag Jubilate, 3. Mai 2009
Predigt zu Johannes 15,1-8 am Sonntag Jubilate, 3. Mai 2009
Liebe Gemeinde
Ich glaube, wir alle haben diese Sätze schon gehört. Mittendrin eins der berühmten „Ich-bin“-Worte Jesu: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.“ Diese Sätze von Jesus sind direkt, sie fordern heraus: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht, denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“ Das sind so typische Jesus-Worte: mit hohem Anspruch und zugleich anmaßend, provozierend, absolut. Ich weiß nicht, wer von uns diesem Satz zustimmen würde — vielleicht gar keiner. Denn so absolut stimmt der Satz doch auch gar nicht: „Ohne mich könnt ihr nichts tun.“ Wir tun doch andauernd etwas ohne Jesus, ohne dass wir ihn um etwas bitten, ohne dass wir ihn um Rat fragen. Wer Schüler ist und wer schon Schüler war, wie geht es euch (Konfirmanden) mit diesem Satz? Wieviel Englisch- und Mathearbeiten haben wir schon ohne ihn geschrieben? Das Internetsurfen geht auch gut ohne ihn Dauernd machen wir etwas, ohne dass wir wahrscheinlich das Gefühl haben, wir tun es mit Jesus.
Wie wäre das aber, etwas mit ihm zu tun? Wie wäre es, mit IHM zu leben? Mit Jesus aufzustehen und schlafen zu gehen, mit ihm zu lernen, mit ihm ins Geschäft und in die Schule zu gehen, mit ihm Sport zu machen, mit ihm auf die Entdeckungsreise ins Leben zu gehen? Was wäre dann anders?
Und gäbe es Vorteile, wenn Jesus mit dabei ist? Vielleicht den: dass wir immer jemanden bei uns hätten, der uns begleitet? ER kennt uns ja sowieso durch und durch, weil er der Erfinder unseres Lebens ist. Das ist das Schöne, aber vielleicht ja auch etwas Beängstigende: ER kennt mich — besser, als ich mich selbst schon kenne. ER weiß genau, wie es mir geht, wie es in mir aussieht, was meine geheimsten Sehnsüchte, Wünsche und Träume sind. Ja, er wird vielleicht besser über mich Bescheid wissen, als ich mich selbst kenne? Eine Sache über Jesus muss ich mir auch gleich dazu sagen: Er liebt mich, und deshalb wird er mich niemals bloßstellen oder sein Wissen über mich ausplaudern oder ausnutzen. Dass er mich lieb hat, das treibt ihn an, mit mir in Kontakt zu kommen. Die Sehnsucht Gottes, so können wir sagen: Die Sehnsucht Gottes ist, bei seinen Menschen zu sein, bei uns zu sein.
„Wer in mir bleibt, der bringt viel Frucht ...“ Wer mit mir in Kontakt bleibt, wer mit mir in Beziehung bleibt, wer in mir bleibt, der bringt viel Frucht. Das ist das Versprechen, das Jesus gibt. Dass wir mit ihm kein fruchtloses, nutzloses Leben führen werden, sondern ein Leben, das erfüllt ist, voller guter Gaben und Möglichkeiten, die er uns schenken will. Jesus lädt uns ein. Er möchte Gemeinschaft mit uns haben. „Wer in mir bleibt und ich in ihm ...“
Er sagt nicht: „Wer bei mir bleibt ...“
ER sagt auch nicht: „Wer in meiner Nähe bleibt ...“
Oder: „Wer ab und an mal im Gottesdienst auftaucht ...“
Er sagt auch nicht: „Wer sich nach meinem Namen nennt ...“, also Jesus sagt nicht: „wer sich Christ nennt“‚
oder: „Wer täglich das Vaterunser betet . . .“‚
oder: „Wer getauft und konfirmiert ist“.
Nein, es geht Jesus um mehr: „Wer in mir bleibt und ich in ihm ...“
Er in uns, wir in ihm — geht das überhaupt? Wie können wir in Jesus sein, und er zugleich in uns? Das ist so etwas, was wir nicht denken können.
Jesus hat viel mit Bildern gepredigt. „Er in uns, wir in ihm“ – wie geht das? Das hat Jesus mit dem Bild vom Weinstock und den Weinreben veranschaulicht.
Ich komme aus dem Remstal, einer Weingegend. Allerdings kenne ich mich selbst nicht im Weinbau aus. Es hat mich beeindruckt, wie die Informationen eines Weinbaukenners das veranschaulichen, was Jesus über den Weinstock und die Reben sagt. Im Frühjahr, so im März oder April, schneiden bei uns die Weingärtner ihre Weinstöcke. Viele Reben des Weinstocks werden dabei abgeschnitten. Nur zwei oder drei bleiben stehen, damit sie austreiben und Früchte bringen können.
Früher hat man die abgeschnittenen Reben verbrannt. Heute werden sie oft maschinell zerkleinert und als Humus im Weinberg belassen. Eines ist aber in beiden Fällen klar: Eine Rebe, die abgeschnitten wurde, wird keine Früchte mehr bringen, sie wird in kurzer Zeit verdorren.
„Wer in mir bleibt und ich in ihm ...“: darum geht es Jesus.
Man kann den Versuch machen, solch eine abgeschnittene Rebe mit nach Hause zu nehmen und ins Wasser zu stellen, und wird bemerken: Diese Rebe treibt tatsächlich aus! Die Augen brechen auf und der Traubenansatz wird sichtbar. Aber dann geht der Rebe die Kraft aus, und sie verdorrt. Ohne den Weinstock als Kraftquelle kann sie nicht leben und ihre Früchte bringen.
Wie gesagt: wir können etwas hervorbringen ohne Jesus. Mancher blüht richtig auf, wo er seine Begabungen hat: in Englisch, in Bio, in seinem Beruf.
Aber: Ob mehr als Blüten wachsen, ob wir Frucht bringen in unserem Leben, ob in unserem Leben etwas wächst, das bleibt, das hängt nicht an unserem guten Willen, an unserem Ehrgeiz, auch nicht an unseren guten Taten oder unseren Opfern, das hängt zu allererst an einer Beziehung. An der Beziehung zu Jesus. „Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht“.
Wie die Reben ohne Weinstock keine Früchte bringen können, so ist es unmöglich, dass wir von uns aus bleibende Früchte bringen. Nur wenn wir von Jesus abhängig sind, an ihm hängen, kann bei uns Frucht wachsen, wenn wir von Jesu Wort leben.
Auch wenn ich vorhin gesagt habe: Ohne Jesus kann ich sehr viel tun, bin ich überzeugt, dass das bloß oberflächlich gesagt ist: Ohne Gott, ohne Jesus kann man sehr viel tun (Englischarbeiten schreiben, im Internet surfen). Auch wenn ich das alles tue, ohne Gott zu fragen und zu bitten, in Anführungszeichen „ohne Gott“ lebe, kann ich nur leben, weil und solange Gott mir dieses mein Leben schenkt. „Ohne mich könnt ihr nichts tun“.
Aber die Aussage Jesu geht noch tiefer:
„Ohne mich könnt ihr nichts tun“, das heißt doch: Ohne Jesus sind wir ohne Gott, ohne Jesus sind wir getrennt von dem, der uns das Leben gab, getrennt von unserem Schöpfer. Ohne Jesus sind wir wie ein Fisch an Land, wie ein gefällter Baum. Ohne Jesus sind wir getrennt von unserer Lebensquelle, von Gott, unserem Schöpfer. Auf die Dauer todgeweiht. Sicher, ein Fisch an Land kann noch eine Weile zappeln und sogar Sprünge machen. Aber lange geht das nicht.
Jesus allein stellt das gute Verhältnis zwischen Schöpfer und Geschöpf wieder her. Seine Gnade allein bringt uns zurecht. Er allein holt uns aus unsrer Isolierung, vom trockenen Land, und aus der Sünde heraus! Aus unserer Trennung von Gott. So kann man das Wort Sünde erklären: Es ist Abtrennung, Abgeschnittensein wie die Rebe. Nur dadurch, dass wir in die gute und heile Verbindung zu Gott, unserem Schöpfer zurückkehren, können wir leben und: Früchte bringen, die bleiben. Diese heilsame Verbindung zu Gott stellt Jesus wieder her. Er pfropft quasi die Reben wieder in den Weinstock ein, und sie können leben und Frucht bringen. Die Liebe zu Gott wäre unmöglich, wenn Jesus selbst nicht die Beziehung zu Gott wiederhergestellt hätte.
Bild mit Trauben, die an den Reben eines Weinstocks wachsen
Schauen wir uns „Früchte“ an, von denen die Bibel schreibt, die bei denen wachsen, die Jesus angehören . Es sind lauter Früchte, die gute Beziehungen bezeichnen, als erste Frucht ist die Liebe genannt, Galater 5,22 (LU 84):
22 „Die aFrucht aber des Geistes ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue“
Das unterscheidet die Christen von ihren früheren Zeiten, als sie noch keine Christen waren.
Bild mit abgerissenen, am Boden liegenden Reben
Hierüber schreibt Paulus – und es fällt auf, wieviel hier Trennung, Spaltung, Abtrennung von Gott und den Menschen zu tun hat (übrigens nicht als Früchte bezeichnet, Galater 5,19-21): Unzucht, Unreinheit, Ausschweifung, 20 Götzendienst, Zauberei, Feindschaft, Hader, Eifersucht, Zorn, Zank, Zwietracht, Spaltungen, 21 Neid, Saufen, Fressen und dergleichen.
„Ohne mich könnt ihr nichts tun“ – jedenfalls nichts Gescheites, sagt Jesus; denn er weiß: Wo wir ohne Gott leben, da kann es wohl sein, dass wir aufblühen wie die Rebe, die ins Wasser gestellt wird, aber letztlich können wir nichts hervorbringen, was bleibt und vor Gott und Menschen Bestand hat.
(Bild aus)
Wenn wir bleibende Frucht schaffen wollen, hilft es uns nicht, wenn wir jetzt nach Hause gehen und ein bisschen mehr lieben, ein bisschen mehr Geld für Arme geben und ein bisschen mehr gute Werke tun. Bleibende Frucht wächst nur aus der engen Verbindung zu Jesus! Aus dem lebendigen Gespräch mit Jesus, wie zwei Menschen, die sich liebhaben und miteinander verbunden sind. Wenn ich sein Wort höre und lese in der Bibel, wenn ich mit ihm spreche im Gebet. Wo dies in Liebe geschieht, da wachsen diese guten Früchte
Bild mit den Früchten noch einmal zeigen.
So steht jeder einzelne vor der Frage: Hänge ich am Weinstock, Jesus, oder bin ich eine am Boden liegende verdorrende Rebe? Gehöre ich zu Jesus, oder gehöre ich bloß mir selbst? Vertraue ich ihm, oder lasse ich ihn links liegen?
Wenn ich mich entschlossen habe, dass ich an Jesus hängen will, dann heißt das aber noch lange nicht, dass dann jeden Tag die Sonne scheint und das Leben nur noch schön ist. Wir werden auch als Christen nicht jeden Tag blühen und jeden Tag Früchte bringen, auch für uns gibt es trübe Tage und schwere Tage.
Was das bedeutet, will ich noch einmal am Bild des Weinstocks zeigen.
In der Natur bestimmen die Jahreszeiten den Rhythmus der Pflanzen. Die Rebe am Weinstock blüht nicht das ganze Jahr, sie trägt auch nicht das ganze Jahr Früchte. Von November bis März hängt sie in unseren Breitengraden scheinbar nutzlos am Weinstock.
Fast ein halbes Jahr, in dem nach außen nichts sichtbar ist, und doch ist auch diese Zeit für die Pflanze eine wichtige Erholungszeit. Wenn die Rebe in dieser Zeit vom Weinstock abgeschnitten wird, ist zuerst einmal kein Unterschied zu der Rebe am Weinstock festzustellen - aber spätestens dann, wenn es Frühjahr wird, wird offensichtlich: Nur die Rebe, die auch in der Winterzeit am Weinstock hing, kann im Herbst Früchte bringen.
Wie die Jahreszeiten den Weinstöcken einen Rhythmus vorgeben, so gibt es auch in unserem Leben einen Rhythmus.
Ich weiß nicht, liebe Gemeinde, wie es bei Ihnen gerade aussieht. Vielleicht ist es in ihrem Leben Sommerzeit, sie blühen auf, freuen sich des Lebens und ihres Glaubens! Oder es ist Winterzeit: Sie erleben gerade nichts Erhebendes, haben vielleicht mit Zweifeln, mit Trauer und Schwäche zu kämpfen, und spüren wenig von Gottes Kraft. Sie sehnen sich nach dem Sommer, nach Freude und Glück, nach Hoffnung.
In unsere Winterzeiten hinein sagt Jesus: Bleibt in mir! Löst euch nicht von mir, bleibt bei mir! Haltet euch zu mir, auch in der Krise, auch im Zweifel.
Manche haben es erfahren: Wo sie trotz Zweifel bei Jesus geblieben sind, wo sie nicht weggelaufen sind in der Not, wo sie die Treue zu Jesus gehalten haben, da kam nach der Winterzeit auch wieder die Sommerzeit, da blieb es nicht Winter, sondern wurde es auch wieder Sommer, in dem Früchte reifen konnten.
In der Beziehung zu Jesus werden Früchte in unserem Leben reifen, die nicht vergehen, ganz selbstverständlich, wir können dann gar nicht anders. Gott wird uns mit seiner Kraft so durchströmen, dass wir etwas von seiner Liebe ausstrahlen und Menschen für ihn gewinnen. Wann und wo Gott will, wird er zu seiner Zeit Früchte reifen lassen.
Jesus sagt: Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht. Darauf können wir uns verlassen! Darauf dürfen wir uns freuen!
Amen.