Predigt vom 31.5.2009

Predigt zu Johannes 14,23-27 am Pfingstsonntag 2009

Liebe Gemeinde,
Pfingsten ist zumindest für Kinder anders als Weihnachten oder Ostern. Kein Osterhase, der seine Gaben im Garten versteckt, kein Weihnachtsmann, der Geschenke unter den geschmückten Christbaum legt.
Und doch gibt es da einen, der uns zu Pfingsten beschenken will. Es ist der Heilige Geist, der uns zu Pfingsten beschenkt. Er beschenkt uns mit Liebe, mit Erinnerung und mit Frieden.
1. Der Heilige Geist schenkt Liebe
Von dem Kirchenlehrer Augustin gibt es den Satz: „Liebe — und tu, was du willst.“ Was aus Liebe geschieht, kann doch nur gut sein. Liebe ist das Tor zur Freiheit.
Was Jesus sagt, klingt eher nach dem Gegenteil: „Wer mich liebt, der wird mein Wort halten ... Wer aber mich nicht liebt, der hält meine Worte nicht.“
Ich weiß nicht, wie es Ihnen zumute ist, bei dieser engen Verquickung von Liebe und Gehorsam. Kann man am Gehorsam nicht viel eher Furcht und Zwang ablesen als die Liebe? Freilich, es gibt solchen Gehorsam aus Furcht. Hier kann ein Blick in die Kinderstube hilfreich sein: Geprügelte Kinder horchen scheu und geduckt aufs Wort — solange sie Angst vor Schlägen haben, solange sie den Eltern unterlegen sind. Ab der Pubertät kann das umschlagen.
Solchen Gehorsam meint Jesus nicht. Das Handeln, das durch Angst und Furcht aus uns herausgepresst wird, das nennt die Bibel: Tote Werke. Kadavergehorsam. Wissen Sie, was Kadavergehorsam ist? Wenn man an einen Froschkadaver elektrischen Strom anlegt, dann gehorcht das Froschbein und zappelt noch ein bisschen. Tote Werke, aus Angst erzeugt, sind vor Gott wertlos. Wenn wir genau hinsehen, dann stellen wir fest, dass Jesus hier gar nicht befiehlt, keine besonderen Liebes-Werke, sondern einfach beschreibt, wie die Liebe ist: „Wer mich liebt, der wird mein Wort halten.“ Nicht gezwungen, sondern weil wir Jesus lieb haben.
Diese Liebe schafft der Heilige Geist. Aus der Liebe fließt das Halten seines Wortes.
Die Liebe, die Jesus meint, ist kein unbeständiges, wechselhaftes Gefühl. Für die beständige Liebe ist ein schönes Sinnbild die Wohnung von Menschen. Ein Ehepaar wohnt in derselben Wohnung. Vater, Mutter und ihre Kinder wohnen in der gleichen Wohnung. Die gemeinsame Wohnung steht dafür, dass Menschen eine Beziehung zueinander haben, miteinander leben. Und nun sagt Jesus: „Wer mich liebt“, mit dem wohne ich und mein Vater in der gleichen Wohnung. „Wer mich liebt“, der wird mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen.“
Ohne diese Liebe, ohne diese innige Gemeinschaft mit Gott wäre unser Glaube ein Krampf, ohne diese Liebe wäre unser rechtes Handeln eine freudlose Zwangsleistung. Ohne diese Liebe wären wir nicht Kinder, sondern Knechte.
„Liebe — und tu, was du willst.“ Denn wer aus Liebe handelt, der tut instinktiv das, was dem Geliebten entspricht. Liebe, das ist das erste Pfingstgeschenk.
2. Der Heilige Geist schenkt Lehre und Erinnerung
Das ist sein zweites Pfingstgeschenk an uns. Wir sprechen heute vom lebenslangen Lernen.
Das tut der Heilige Geist in uns. Weshalb? Der Heilige Geist will ein tiefes Verstehen und Erkennen unseres Gottes in uns schaffen. Mit Inhalten, die wir lernen müssen, um sie zu begreifen, Inhalten, um die wir uns mühen und — die umso besser schmecken, je mehr, je intensiver wir uns damit befassen. Luther sagte einmal: Das Wort Gottes ist wie ein Kräutlein, das umso stärker riecht, je mehr man es reibt.
Geben wir uns nicht zu schnell mit dem zufrieden, was wir an Lehre und Erkenntnis haben. Das Wort Lehre heißt auf Griechisch Dogma. Und das hat unter Christen zurzeit keinen guten Klang. Hören Sie den abwertenden Ton, wenn vom „starren“, „dogmatischen“ Glauben die Rede ist? Jesus spricht nicht schlecht vom Dogma, im Gegenteil. Der Heilige Geist lehrt uns. Das ist Jesus wichtig. Manchen Christen reicht ja der Satz: „Jesus liebt mich, er ist für meine Sünden gestorben. Halleluja.“ Das ist heilsnotwendig. Doch das ist nicht alles. Wenn das alles wäre, bräuchten wir nicht 1200 Seiten Bibel und biblische Lehre. Freilich: Jesus stellt die Kinder in die Mitte mit ihrem Kinderglauben. Über den Glauben der Kinder kommen wir bei aller Lehre nicht hinaus. Aber Selbstgenügsamkeit in Glaubensdingen ist nicht unbedingt ein Zeichen von geistlicher Demut.
Für unseren Beruf brauchen wir Verstand. Wehe dem, der behaupten würde, wir gingen einer hirnlosen Tätigkeit nach. Nein, nein: unser Metier, das will gelernt sein — und darauf sind wir stolz.
Auch unser Hobby fordert ganze Konzentration: Ob wir beim Schach dem Gegner fünf Züge voraus sein wollen, oder ob wir beim Fußball das Feld überblicken und die Reaktion des Gegners jederzeit abschätzen müssen. Wir sind dabei: Mit ganzem Einsatz, mit Sinn und Verstand. Und unsere Begeisterung? Die ist uns abzuspüren.
Nur beim Glauben denken viele: Warum so kompliziert? Das braucht‘s doch gar nicht. Was soll man da nicht alles lernen und verstehen: Vater, Sohn und Geist sind ein Gott. Jesus ist zugleich Gott und Mensch. Und im Abendmahl: Jesus gibt in Brot und Wein seinen Leib und sein Blut zu essen und zu trinken. - Was soll ich damit anfangen? Reicht es nicht, wenn ich das alles stehen lasse und mich vom Geist im Gefühl bewegen lasse?
Nein, das reicht nicht: Denn der Heilige Geist ist kein Unterhalter, kein Animateur, sondern ein Lehrer.
Das beste Beispiel dafür: Die Pfingstpredigt des Petrus. Petrus spricht in fremden Zungen. Nun aber nicht unverständlich, womit seine Zuhörer nichts anfangen könnten, sondern nur zu verständlich und über-deutlich: „Ihr Männer von Israel, hört diese Worte: Jesus von Nazareth, von Gott unter euch ausgewiesen durch Taten und Wunder und Zeichen, die Gott durch ihn in eurer Mitte getan hat, wie ihr selbst wisst — diesen Mann, der durch Gottes Ratschluss und Vorsehung dahingegeben war, habt ihr durch die Hand der Heiden ans Kreuz geschlagen und umgebracht. Den hat Gott auferweckt und hat aufgelöst die Schmerzen des Todes, wie es denn unmöglich war, dass er vom Tode festgehalten werden konnte... So wisse nun das ganze Haus Israel gewiss, dass Gott diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt, zum Herrn und Christus gemacht hat.“
Petrus — voll Heiligen Geistes — hält am Pfingsttag eine reine Lehr- und Bußpredigt, gewürzt mit vielen schwer verständlichen alttestamentlichen Zitaten. Aber die Wirkung dieses Unterrichts auf die Hörer ist keineswegs einschläfernd, sondern erschütternd: „Als sie aber das hörten, ging‘s ihnen durchs Herz, und sie sprachen zu Petrus und den andern Aposteln: Ihr Männer, liebe Brüder, was sollen wir tun? Petrus sprach zu ihnen: Tut Buße, und jeder von euch lasse sich taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung eurer Sünden, so werdet ihr empfangen die Gabe des heiligen Geistes.“
Lehre und Erinnerung, das ist das zweite Geschenk zu Pfingsten.
3. Der Heilige Geist schenkt Frieden
An Pfingsten wird uns Gottes Frieden geschenkt. Aber können wir solchem Frieden trauen?
Der Friede, der uns heute geschenkt werden soll, der bringt uns häufig genug in Gegensatz zur Welt um uns herum und bringt sie gegen uns auf. Jesus ist es so ergangen. Trauen wir Jesu Frieden, wenn er uns den Frieden verspricht? Er, der wenige Stunden später von den Machthabern dieser Welt festgenornmen wird, um bald darauf einen grässlichen Tod zu sterben? Dieser Jesus sagt (Johannes 14,27, LU 84):
27 Den Frieden lasse ich euch, ameinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.
Der Pfingstfriede ist ein Friede, der auf der Versöhnung mit Gott gründet, die Christus uns erworben hat. Solch ein Friede ist ein innerer Friede, ein starker und unüberwindlicher Friede, der von keinen äußeren Stürmen erreicht werden kann.
Wenn wir mit der Macht des Todes und des Bösen konfrontiert werden, dann dürfen wir darauf vertrauen, dass Jesus auch uns seine Gegenwart schenkt, wie er sie Helmuth James Graf Moltke geschenkt hat. Er hatte als Christ dem nationalsozialistischen Staat widerstanden; er hatte als Beamter (Kriegsverwaltungsrat) ohne seine Kräfte zu schonen gegen Geiselerschießungen und andere Terrormaßnahmen der Nazis gekämpft. Es müssen einige Tausend Menschen gewesen sein, die 1945 das Kriegsende erlebt haben, ohne zu ahnen, dass Graf Moltke sie gerettet hatte. Graf Moltke schreibt an seine Frau von seinem Prozess vor dem Volksgerichtshof im Januar 1945:
„Wie gnädig ist der Herr mit mir gewesen. Selbst auf die Gefahr hin, daß es hysterisch klingt: Ich bin so voll Dank, eigentlich ist für nichts anderes Platz. Er hat mich die zwei Tage so fest und klar geführt: Der ganze Saal hätte brüllen können wie der Herr Freisler, und sämtliche Wände hätten wackeln können, und es hätte mir gar nichts gemacht; es war wahrlich so, wie es Jesaja 43,2 heißt: Denn so du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein, daß dich die Ströme nicht sollen ersäufen; und so du ins Feuer gehst, sollst du nicht brennen, und die Flamme soll dich nicht versengen, - nämlich deine Seele.“
Der Volksgerichtshof sprach das Todesurteil über Graf Moltke; am 23. Januar 1945 wurde er hingerichtet.
Wie konnte dieser Mann in innerer Freiheit und Gewissheit dem tobenden Freisler gegenübertreten, geborgen in Jesus!
Manfred Siebald singt es in einem Lied von diesem Frieden:
Nicht jenes Warten, wenn die Waffen schweigen, wenn sich noch Furcht mit Haß die Waage hält, wenn sich Verlierer vor den Siegern beugen: nicht der Friede dieser Welt.
Nicht jene Stille, die den Tod verkündet, da, wo es früher einmal Leben gab, wo man kein Wort und keine Tat mehr findet: nicht die Stille überm Grab.
Der tiefe Friede, den wir nicht verstehen, der wie ein Strom in unser Leben fließt, der Wunden heilen kann, die wir nicht sehen, weil es Gottes Friede ist.
Der Friede Gottes will in dir beginnen, du brauchst nicht lange, bis du es entdeckst:
was Gott in dich hineinlegt, bleibt nicht innen —Friede, der nach außen wächst.
Amen.